»Mythen der Welt: Dornröschen« [Graphic Novel-Rezension]

Fast alle kennen die sanfte, märchenhafte Dornröschen‑Version aus Bilderbüchern oder Kindheitsfilmen. Doch genau dieses vertraute Bild stellt die Graphic Novel »Mythen der Welt: Dornröschen« bewusst auf den Kopf, denn sie enthält zwei Geschichten, die weit über das bekannte Märchen hinausgehen. Schon der Einstieg machte mir deutlich, dass hier nichts weichgezeichnet oder romantisiert wird. Stattdessen zeigen die Erzählungen, wie verschieden und teilweise unerwartet dieser alte Mythos tatsächlich sein kann. Während ich zu Beginn noch dachte, ich würde eine vertraute Variante wiederentdecken, wurde ich rasch eines Besseren belehrt.
Die beiden Geschichten sind auf jeden Fall nichts für Kinder. Sie sind düster, fast schon unheimlich. Aber sie legen offen, wie vielfältig und wandelbar der Dornröschen-Mythos im Laufe der Jahrhunderte geworden ist. Dadurch fühlte ich mich immer wieder herausgefordert, alte Vorstellungen zu überdenken und neue Lesarten zuzulassen. Das Nebeneinander dieser beiden starken Interpretationen macht das Erlebnis besonders spannend.

Der Stil von Gianenrico Bonacorsi ist realistisch angelegt, mit präzisen Konturen und ausdrucksstarken Figuren, die Emotionen vor allem über Mimik und Haltung transportieren. Die Farbpalette ist harmonisch, wirkt natürlich und ist weder übermäßig grell noch märchenhaft weichgezeichnet, sondern eher bodenständig und atmosphärisch dicht. Die Hintergründe erzeugen ein glaubhaftes historisches oder märchenhaft‑zeitloses Umfeld, ohne süßliche Kinderbuchästhetik.
Der zusätzliche Hintergrundteil am Ende hat mir geholfen, die beiden Geschichten besser einzuordnen. Er zeigt, wie viele verschiedene Versionen es von Dornröschen im Laufe der Zeit gab und wie sie sich voneinander unterscheiden. Dadurch wird deutlich, wie sehr Märchen kulturelle Spiegel ihrer Zeit sind. Auch ohne Vorwissen konnte ich gut folgen, da die Informationen verständlich und kompakt präsentiert sind. Dieser Sachteil ergänzt die beiden Erzählungen, ohne sie zu überdecken. Insgesamt rundet er das Leseerlebnis sinnvoll ab und schafft zusätzliche Tiefe.
Fazit
Ich empfehle »Mythen der Welt: Dornröschen« allen, die Märchen einmal jenseits ihrer kindlichen Version erleben möchten. Die beiden Geschichten überraschen durch ihre Ernsthaftigkeit und die deutliche Abweichung von üblichen Dornröschen‑Darstellungen. Wer gerne neue Blickwinkel auf bekannte Stoffe sucht, wird hier Freude haben.
Bibliografie
Titel: Dornröschen
Originaltitel: La sagesse des mythes: La Belle au bois dormant
Szenario: Luc Ferry, Clotilde Bruneau
Zeichnung: Gianenrico Bonacorsi
Verlag: Splitter
ISBN: 978-3-98721-327-4
Seiten: 72
Reihe: Mythen der Welt (Band 6)
Voriger Band: Die Arche Noah und die Sintflut
Werbung | Rezensionsexemplar
Meine Rezensionen zu weiteren Comics von Luc Ferry














